Offener Brief an die Vertreter aller 36 Profivereine

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Debatte um die Fankultur rund um den deutschen Fußballsport ist an einem entscheidenden Punkt angekommen, und zwar an einem, an dem wir uns alle fragen müssen, wie der (Profi-)Fußball in Zukunft hierzulande aussehen soll.

Genährt durch einige sehr medienwirksame Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit und der nicht immer differenzierten Berichterstattung darüber, hat sich in den vergangenen Monaten eine verheerende Spirale von gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Politik, Fußballverbänden, Vereinen und Fans in Gang gesetzt. Auf der Suche nach schnellen Lösungen auf die vermeintlich überbordende „Fan-Problematik“, hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) am 27.09.2012 das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ vorgelegt, das vielfach von Fanseite, aber auch von einigen Vereinen scharf kritisiert wurde.

Am ausführlichsten und fundiertesten bezog hierzu der 1. FC Union Berlin Stellung. Da wir deren Bewertung des Sicherheitspapiers gänzlich teilen und diese Stellungnahme in wesentlichen Teilen auch auf die leicht abgewandelte zweite Version des Papiers vom 15.11.2012 sowie die am 29.11.2012 veröffentlichten Anträge zur ordentlichen Mitgliederversammlung des Ligaverbandes am 12.12.2012 immer noch zutrifft, wollen wir uns im Folgenden auf einige zentrale Punkte konzentrieren, weshalb dieses Sicherheitspapier beziehungsweise die Anträge unserer Meinung nach abzulehnen sind. Hierbei soll auch deutlich werden, weshalb sich der SV Waldhof Mannheim 07 e.V. und seine Fans, trotz Nicht-Zugehörigkeit zu einer der direkt betroffenen Ligen, mit dieser Thematik beschäftigen und dazu zu Wort melden.

Zunächst liegen dem Konzept aus unserer Sicht zwei falsche Annahmen zu Grunde:

1. Dass der deutsche Fußball ein zunehmendes Gewaltproblem habe und
2. dass gegen Gewalttaten im Umfeld von Fußballveranstaltungen zu wenig unternommen werde und daher ein neues, von stark repressiven Tendenzen geprägtes, Sicherheitskonzept von Nöten sei.

Beide Grundannahmen sind falsch.

Zu 1.: Gewalt ist ein soziales Phänomen, das sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zieht. Hiervon bleibt der Fußball als ein allwöchentlich von mehreren Millionen Menschen praktiziertes Kulturgut natürlich nicht ausgenommen. Genauso wie auf Volks- und Straßenfesten, in Diskotheken, Kneipen und Bars, kommt es auch in den Stadien und auf den Fußballplätzen der Republik zu Handgreiflichkeiten unter Spielern und Zuschauern. Das ist bedauerlich, aber gesellschaftliche Realität. Hieraus ein explizites „Gewaltproblem“ im Umfeld von Fußballspielen zu konstruieren, geht jedoch schlichtweg an der Realität vorbei. Die jüngst von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) vorgelegten Zahlen bezüglich Verletzter im Fußballumfeld sind zwar alles andere als erfreulich, verlieren ihren Schrecken aber schnell, wenn man sie relativ zur großen Anzahl an Menschen setzt, die regelmäßig – in welcher Form auch immer – am Fußball partizipieren. Ähnliche Statistiken im Kontext anderer gesellschaftlicher Großereignisse würden sicherlich ganz andere Ergebnisse zu Tage fördern. Weiterhin wird in dieser Statistik bedauerlicherweise auch nicht unterschieden, welche Verletzungen durch Fehlverhalten von Fans verursacht wurden, oder durch den Einsatz von Ordnungskräften und Polizisten. Ein Rückschluss auf eine sich angeblich verschärfende Gewaltproblematik im Fußballumfeld lässt sich daraus deshalb nicht ziehen.

Zu 2.: Trotz der nicht vorhandenen Belegbarkeit eines im gesellschaftlichen Vergleich überdurchschnittlichen Gewaltproblems im Umfeld von Fußballspielen, besteht natürlich kein Zweifel daran, dass die jetzt schon geringe Zahl an Verletzten weiter verringert werden muss. Jede Gewalttat und jeder Verletzte ist einer zuviel. Dennoch muss auch die dem neuen Sicherheitspapier zugrunde liegende Vorannahme, dass bisher zu wenig für die Sicherheit im deutschen Fußball unternommen wurde, entschieden zurückgewiesen werden.

Deutschlands Stadien zählen spätestens seit der WM 2006 zu den sichersten der Welt. Die Überwachung und Kontrollen der Fans in den Stadien hat schon heute ein großes Ausmaß angenommen. Darüber hinaus werden seit Jahren auffällig gewordene Fans in einer zentralen Sammeldatei „Gewalttäter Sport“ aufgenommen. Eine Maßnahme, die der Staat sonst nur im Kampf gegen politischen Extremismus und Terrorismus einsetzt. Des Weiteren setzen DFB und Vereine das Mittel des Stadionverbots flächendeckend ein.

Wir können in Anbetracht der schon jetzt eingesetzten Mittel gegen Fußballfans keinen Anlass für die Position erkennen, es werde im deutschen Fußball nicht ausreichend gegen mögliche Gewalttäter vorgegangen.

Neben diesen beiden falschen Grundannahmen gibt es zwei weitere Punkte, die in unseren Augen bei der Erstellung des Sicherheitspapiers falsch gelaufen sind.

Zum einen sollten bei einem Konzept, das zukünftig bindend für die ersten beiden Ligen Deutschlands gelten soll, nicht nur die Vereine einbezogen werden, die derzeit in diesen Ligen spielen. Das deutsche Ligensystem ist kein geschlossenes, sondern durch Auf- und Abstieg ein durchlässiges System. Kurzfristig werden jetzige Drittligisten und langfristig derzeit noch tiefer spielende Vereine in diese beiden Ligen vorstoßen. Diese Aufsteiger müssen dann ein Sicherheitskonzept akzeptieren, in dessen Entstehungsprozess sie niemals eingebunden waren. Wir als SV Waldhof Mannheim 07 e.V. sehen es aber gegenüber unseren Fans als unsere Verantwortung und Pflicht an, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Zum anderen, und das ist unser größter Kritikpunkt, soll am 12.12.2012 ein Konzept verabschiedet werden, bei dessen Erstellung die Betroffenen selbst, nämlich die Fußballfans in unseren Stadien, nicht mit einbezogen wurden. Hierbei wird verkannt, dass es sich bei den Leidtragenden des Konzepts um mündige Bürger handelt, die als Fans ihrer Vereine diese durch lautstarke Gesänge und optische Akzente wie Choreografien, Fahnen etc. unterstützen möchten. Hierzu braucht Fankultur einen gewissen Freiraum, in dem sie sich entfalten kann. In einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik, ist der Rahmen für solch einen Freiraum durch das geltende Recht gesetzt. Wir plädieren deshalb dafür, dass sich die Vereine und Verbände dazu bekennen, im Rahmen von Fußballsportveranstaltungen ebenfalls das geltende Recht als Maßstab für den Umgang miteinander heranzuziehen. Zweifelhafte Methoden, die tief in die Persönlichkeitsrechte der Stadionbesucher eingreifen und rechtlich nicht einwandfrei gedeckt sind, sind abzulehnen.

Fans sind aber nicht nur die Stimmungsmacher, sondern durch ihre Leidenschaft und hohe Identifikation mit ihrem Verein auch ein wichtiges Kapital der Vereine, welches weit über die Atmosphäre im Stadion hinausgeht. Insbesondere Vereine, welche schon Erfahrungen mit existenzbedrohlichen Situationen machen mussten, lernen ihre Fanbasis spätestens dann als unverzichtbare Konstante schätzen.

In Anbetracht dieser wichtigen Funktion, die Fans im Gesamtgefüge Fußballsport einnehmen, ist es absolut nicht hinnehmbar, dass über ihre Köpfe hinweg ein Konzept erstellt wurde, welches ihnen die Spielregeln, nach denen sie ihre Fankultur ausleben sollen, von oben herab diktiert. Die Lösung für Probleme, die mit und durch Fans entstehen können, liegt im Dialog mit genau diesen. Nur ein Konzept, welches Verbände und Fanvertreter gemeinsam miteinander ausarbeiten, hat die realistische Chance, von einer Mehrheit der Fußballfans in Deutschland akzeptiert zu werden.

Deshalb ist es nur eine logische Konsequenz, dass sich die Fußballfans deutschlandweit zu einer gemeinsamen Protestaktion entschlossen haben. Mit der Aktion „Ohne Stimme keine Stimmung“ soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie die Atmosphäre in deutschen Stadien in Zukunft sein könnte, wenn man den Fans die Luft zum Atmen nimmt. Die Folge würde eine fast schon gespenstische Stille in den Fankurven sein. Auch unsere Fanszene hat sich entschlossen, an diesen Protesten teilzunehmen. Das Präsidium und die Mannschaft des SV Waldhof Mannheim 07 e.V. stehen voll hinter den Forderungen der Fans.

Wir appellieren daher gemeinsam an die Vertreterinnen und Vertreter aller 36 Profi-Fußballvereine der 1. und 2. Bundesliga, am 12.12.2012 nicht den Anträgen des Antragspakets „Sicheres Stadionerlebnis“ zuzustimmen, sondern stattdessen das intensive Gespräch und den regelmäßigen Austausch mit ihrer Fanbasis zu suchen. In Mannheim stehen wir in einem ständigen Kontakt miteinander, der unter dem Verein, dem Fandachverband, Vertretern einzelner Fanclubs sowie dem Fanprojekt besteht. Wir reden mit- statt übereinander und können so viele mögliche Probleme schon im Vorfeld ausschließen. Nur dieser enge Kontakt erlaubt es uns z.B. auch, zu gewissen Themen gemeinsame Standpunkte zu erarbeiten und zu vertreten, wie in diesem Falle.

Wenn Sie im Dezember zur Mitgliederversammlung der DFL reisen, dann stellen Sie sich bitte im Vorfeld ganz ernsthaft die Frage, welchen Fußball Sie in Zukunft in Deutschland erleben möchten. Einen von Emotionen – auf dem Platz wie auf den Rängen – getragenen Fußball, mit einer mitreißenden Atmosphäre im Stadion, die durch mündige und leidenschaftliche Fans erzeugt wird, oder einen Fußball in zwar gut gefüllten Stadien, in denen jedoch seitens der Zuschauer keinerlei Leidenschaft für das auf dem Feld ausgetragene Duell zweier Mannschaften zu vernehmen ist.

Genau hierüber werden Sie mit Ihrer Stimme entscheiden. Wir, der SV Waldhof Mannheim 07 e.V. und seine Fans, bevorzugen ganz klar die erste Variante und hoffen daher darauf, dass Sie am 12.12.2012 im Sinne einer lebendigen Fankultur und im Sinne eines mitreißenden „Erlebnisses Stadion“ die richtige Entscheidung treffen.

SV Waldhof Mannheim 07 e.V.
Fandachverband PRO Waldhof e.V.
Ultras Mannheim 1999
Fanprojekt Mannheim/Ludwigshafen