Ultras Mannheim: „Ab sofort kein organisierter Support bei Sport 1 Livespielen“

Das Thema Sport 1-Übertragungen wurde in den letzten Wochen ja schon reichlich in der Fanszene diskutiert. Bereits im „Uffbasse“-Spieltagsflyer zum ersten Saisonspiel gegen Ulm haben wir unseren Standpunkt hierzu deutlich und in aller Ausführlichkeit dargelegt. Es bleibt auch weiterhin dabei: Der Fußball gehört in erster Linie den Fans auf den Rängen und den Sportlern auf dem Rasen, sprich den Leuten, die live im Stadion dabei sind. Denn diese machen ihn erst zu dem Erlebnis, das er ist.

Was trotz mittlerweile fast unerträglicher Omnipräsenz kein integraler Bestandteil eines Fußballspiels ist, sind TV-Anstalten. Klar, die große mediale Aufmerksamkeit für den Fußball spiegelt letztlich auch nur den großen Stellenwert wieder, den dieser Sport in unserer Gesellschaft besitzt. Ebenfalls kann sich auch in aktiven Fankreisen kaum jemand davon freisprechen, die Vorteile von TV-Liveübertragungen, zumindest bei sportlich sehr interessanten Spielen auf internationaler Ebene, schon häufiger für sich genutzt zu haben. Und dennoch gibt es diese berühmte rote Linie, bei deren Überschreitung der Schaden, den das Fernsehen im Fußball anrichtet, den Nutzen überschreitet. Diese Linie ist spätestens dann erreicht, wenn TV-Anstalten Spielansetzungen beeinflussen und Spielverlegungen erzwingen, die es ohne Live-Übertragung nicht gegeben hätte. Sicherlich kein neues Phänomen, Fans in den ersten beiden Ligen schlagen sich seit über einem Jahrzehnt mit dieser Problematik herum. Die „Montags könnt ich kotzen!“ Plakate im CBS zu Zweitligazeiten dürften den Meisten auch noch in Erinnerung sein.

Seit kurzem ist der private Sender Sport 1 nun auf die Idee gekommen, auch den Regionalligafußball in sein Programm aufzunehmen und zwar mit insgesamt 26 Live-Übertragungen aus allen fünf Ligen pro Saison. Welche Spiele genau übertragen werden, wird immer recht kurzfristig entschieden. Man wolle den vielen Traditionsvereinen, die sich mittlerweile in diesen Spielklassen tummeln, die Möglichkeit geben, sich wieder deutschlandweit zur präsentieren, so die offizielle Verlautbarung des Senders. Klingt natürlich erst einmal nach einem ehrenwerten Vorhaben. Wer jedoch bis drei zählen kann, weiß natürlich, dass dies nicht die wahren Beweggründe sind. Sport 1 überträgt nicht samstagmittags um 14 Uhr, sprich zu den gewöhnlichen Regionalliga-Spielzeiten, sondern versucht mit den RL-Übertragungen seinen Sendeplatz dienstagabends, der bisher mit Handball nicht die gewünschten Einschaltquoten erzielen konnte, irgendwie zu retten. Dass für dieses Vorhaben natürlich keine Partien wie SC Freiburg II gegen KSV Baunatal herangezogen werden, dürfte jedem einleuchten. Somit ist klar, dass die besagten Traditionsvereine, denen man angeblich in Samaritermanier zur mehr Aufmerksamkeit verhelfen will, schlichtweg Mittel zum Zweck sind. Ob das „Unternehmen Regionalliga“ für Sport 1 ein Erfolg wird, kann man noch nicht wissen. Was man jedoch jetzt schon wissen kann, ist, dass es sich ohne die namhaften Vereine für den Sender nicht einmal lohnen würde, den Versuch überhaupt zu starten. Ihre eigenen Absichten im Blick, ist es den Verantwortlichen von Sport 1 dann auch ganz egal, ob Ulmer Fans unter der Woche nach Mannheim reisen müssen oder unsereins nach Kassel. Hier fehlt völlig das Verständnis dafür, dass das, was die Traditionsvereine von den unattraktiven Vereinen unterscheidet, die Fans sind, und man ebendiesen durch Ansetzungen unter der Woche die Anreise erschwert oder gar unmöglich macht.

Soweit also das leicht durchschaubare und fanfeindliche Konzept des Senders. Jedoch darf auch nicht verschwiegen werden, dass unser Verein durchaus ein Vetorecht besitzt, d.h. Anfragen von Sport 1, ob ein Spiel unseres Sportvereins übertragen werden darf, bedürfen der Zustimmung des SVW-Präsidiums. Der Vorstand hat angekündigt, von Anfrage zu Anfrage individuell entscheiden zu wollen, ob er einer solchen zustimmt. Konkret bedeutete das bisher, dass für die Übertragung des ersten Heimspiels gegen Ulm und des kommenden Auswärtsspiels in Kassel grünes Licht gegeben wurde. Uns stieß dies bereits beim ersten Mal sehr übel auf. Sofort wurde zusammen mit PRO Waldhof e.V. der Kontakt zur Vereinsführung gesucht und Argumente ausgetauscht. Während wir darlegten, dass Spielansetzungen unter der Woche zugunsten von TV-Übertragungen für uns grundsätzlich nicht hinnehmbar sind, argumentierte das Präsidium in erster Linie damit, dass sie sich durch die TV-Präsenz größere Attraktivität für bestehende und gegebenenfalls auch neue Sponsoren erhoffen. Diesen Effekt bezweifeln wir jedoch. Zum Einen wird der SV Waldhof fast ausschließlich von regionalen Sponsoren unterstützt, die von einer bundesweiten Ausstrahlung nicht viel Nutzen haben dürften. Zum Anderen kann man neue Sponsoren nur schwerlich mit der Aussicht auf eine unbekannte Zahl X an Übertragungen locken.

Nun sind wir aber natürlich in erster Linie Fans unseres Vereins und dessen Wohl steht für uns an erster Stelle. Eine protestierende statt unterstützende Otto-Siffling-Tribüne zum ersten Heimspiel wäre zwar aufgrund der beschissenen Spielverlegung legitim, aber alles andere als ein gelungener Saisonauftakt gewesen. Wir wollten unserer Mannschaft und vor allem den zahlreichen neuen Spielern gleich von Anfang an zeigen, dass eine neue Saison bei Null losgeht und die Fans hinter ihrer Mannschaft stehen. Diese kann schließlich nichts für die Spielverlegung. Daher entschlossen wir uns, den Protest gegen die Sport 1-Übertragungen gegen Ulm nicht nach außen zu tragen, sondern normal zu supporten und nur fanszeneintern zu informieren. Der Deal mit der Vereinsführung war jedoch, dass wir uns nach diesem ersten Spiel und bevor die Entscheidung über eine etwaige zweite Übertragung gefällt wird, noch einmal zusammensetzen und das Ulm-Heimspiel gemeinsam analysieren. Trotz dieser Übereinkunft und unseres sonst sehr guten Verhältnisses zur Vereinsführung, gab diese wider Erwarten ihr „OK“ für das Auswärtsspiel in Kassel ohne zuvor ein weiteres Gespräch mit uns zu führen. Womöglich deshalb, weil klar war, dass wir von unserer ablehnenden Haltung nicht abgerückt wären und abermals große Bedenken angemeldet hätten. Es ist also davon auszugehen, dass der SV Waldhof auch zukünftig Anfragen von Sport 1 unter gewissen Umständen zustimmt.

Wie weiter oben dargelegt, lehnen wir, genau so wie viele andere Allesfahrer auch, das Konzept der Sport 1-Übertragungen grundsätzlich ab. Nicht nur, weil der Sender auf Kosten derjenigen Fans, die ihre Mannschaft gerne im Stadion live unterstützen möchten, seine Quote verbessern will, sondern auch, weil wir keine erkennbaren Vorteile für unseren SV Waldhof sehen, die damit einhergehen. Übrigens und nur mal nebenbei erwähnt: Wie kann es sein, dass die Polizei, die sonst keine Gelegenheit auslässt, Spiele gegen Hinz und Kunz zu Risikospielen zu erklären, ein Abendspiel in Kassel auf einmal nicht bedenklich findet? Entlarvt das die sonstige Handhabung von Spielansetzungen nicht als willkürlich?

Für uns bleibt also festzuhalten: Es obliegt nicht unserer Entscheidung, sondern natürlich der des Präsidiums, ob unser SV Waldhof als Verein diesen fanfeindlichen Spielansetzungen zustimmt oder nicht. Was wir jedoch selbst in der Hand haben, ist, wie wir damit umgehen. Daher haben wir uns als Ultras Mannheim 1999 dazu entschlossen, ab sofort bei Spielen unseres SV Waldhof, die aufgrund einer TV-Übertragung verlegt werden, nicht den gewohnten Support zu organisieren, egal ob daheim oder auswärts. Diejenigen von uns, die es einrichten können, werden zwar selbstverständlich auch diese Spiele besuchen, jedoch wollen wir unsere Art und Weise den SVW zu unterstützen und den Fußball zu zelebrieren nicht zum Bestandteil der Sport 1-Übertragungen machen. Denn sicher ist auch, dass eine gute Atmosphäre im Stadion dem Sender zu einem besseren „Produkt“ verhilft. Wir wollen ihm aber kein gutes „Produkt“ liefern, sondern wir wollen unattraktiv für Übertragungen sein und möglichst in Ruhe gelassen werden.

Wir sind uns durchaus im Klaren darüber, dass ein Support-Boykott ein Nachteil für unsere Mannschaft bedeuten kann. Bei Heimspielen, bei denen dadurch der Heimvorteil verloren gehen könnte, natürlich mehr als bei Auswärtsspielen, bei denen unsere eh schon schlechten Auswärtsfahrerzahlen unter der Woche noch geringer sein werden und wir somit auch mit organisiertem Support nicht besonders laut wären. Dennoch ist es uns wichtig, der Mannschaft mitzuteilen: Dieser Boykott hat rein gar nichts mit euch zu tun. Ihr habt euch bisher in fast jedem Spiel voll reingehängt. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber auf dem Waldhof zählt bekanntlich der Einsatz. Wir werden auch bei den TV-Livespielen da sein. Wenn ihr am Drücker seid, aufs Tor stürmt, mies gefoult werdet oder einen Treffer erzielt, stehen wir sicherlich nicht emotionslos daneben. Jedoch sind wir nicht bereit, die gewohnte, von euch und der Presse immer wieder ausdrücklich gelobte, stimmungsvolle Atmosphäre über die gesamten 90 Minuten zu kreieren. Das heißt, wir verzichten auf Choreos, Zaunfahnen, Fahnen, Trommeln, Megaphon und alle anderen Hilfsmittel, die wir sonst dazu nutzen, um euch möglichst effektiv zu pushen.

Dies ist natürlich nur die Reaktion der Ultras Mannheim 1999 auf die Sport 1-Übertragungen. Wie andere Fanclubs damit umgehen, ist deren eigene Entscheidung, jedoch würden wir uns natürlich freuen, wenn sich möglichst viele dieser Form des Protestes anschließen würden.

FÜR FANGERECHTE ANSTOßZEITEN!

Ultras Mannheim 1999
Im September 2013

P.S. Der Fandachverband PRO Waldhof e.V. hat zu dieser Thematik ebenfalls eine Stellungnahme veröffentlicht. Diese könnt ihr hier lesen.