Ausnahme statt Regel?

Nach Fanrandale beim Spiel Waldhof gegen Kickers Offenbach: Diskussion über Fußball und Gewalt im Collini-Center in Mannheim

MANNHEIM. Hat die Gewalt im Fußball eine neue Dimension? Um diese Frage ging es am Donnerstagabend bei einer Diskussion im Collini-Center in Mannheim, zu der das Stadtarchiv und die Faninitiative PRO Waldhof eingeladen hatten. „Jede Versachlichung des Themas hilft“, begrüßte Ordnungsbürgermeister Christian Specht die Runde, und einer der Fußballfans unterstrich: „Ich finde es gut, dass man miteinander redet.“

Leicht hatten es Specht und der Sprecher der Mannheimer Polizei, Martin Boll, nicht, auch wenn Martin Willig vom kommunal finanzierten Fanprojekt Mannheim/Ludwigshafen um Besonnenheit bat. „Was tun sie eigentlich für den Waldhof“, wollte eine Besucherin von Specht wissen. Auf Spechts Antwort, dass die Verwaltung für alle Heimspiele die Infrastruktur bereitstelle, erntete er Hohngelächter. Die Stimmung drohte schnell zu kippen. Viel lieber hätten die Waldhof-Anhänger Summen genannt bekommen, die die Stadt ihrer Meinung nach jährlich bereitstellen sollte. Und auch als Boll den Wasserwerfereinsatz nach dem Spiel gegen Kickers Offenbach am 25. August rechtfertigte, erntete er Missfallen.

Der Hamburger Journalist Rafael Buschmann hatte es leichter, als er davon berichtete, wie Geschehnisse um Fußballspiele ab und an aufgebauscht würden. „Manchmal fehlt einfach nur die Zeit für genaue Recherche“, sagte er. „Die Reporter, die über Ausschreitungen vor dem Stadion schreiben, sitzen in der Regel im Stadion und bekommen gar nicht mit, was draußen passiert.“

Dabei sei Gewalt im Fußball keineswegs neu. „Fünf Platzverweise und mehr, Jagdszenen auf die Schiedsrichter, Spielabbrüche und Schlägereien auf dem Sportplatz und den Zuschauerrängen – Mannheims Fußballplätze versinken im Chaos.“ Sporthistoriker Rudolf Oswald erzählte davon, beschrieb damit aber keine jüngeren Vorfälle. Oswald beleuchtete in seinem Vortrag viel mehr die Mannheimer Fußballgeschichte der Jahre zwischen 1920 und 1940. Damals sei es auf allen Plätzen der Region, von Sandhofen bis Ludwigshafen, zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen. „Exzessive Gewalt auf Sportplätzen war für diese Zeit charakteristisch.“ Im Vergleich dazu nähmen sich die 50 Randalierer beim Spiel gegen Kickers Offenbach im August eher bescheiden aus. „In den 1920er-Jahren wäre diese geringe Anzahl geradezu ein Freundschaftsbeweis gewesen.“

Oswald riet deshalb zur Mäßigung: „Gerade weil solche Ereignisse heute die Ausnahme sind, finden sie in Medien und Politik ein großes Echo. Die Ausnahme bedingt den Skandal. “Von einer Zunahme der Gewalt in den Stadien könne deshalb keine Rede sein. Auch nicht beim SV Waldhof. (env)

Quelle: DIE RHEINPFALZ, Samstag, 12. Oktober 2013 | Jahrgang 69 | Nr. 237, S. 25