Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“ mit Podiumsdiskussion eröffnet

Stars stürzen aus dem Sportlerhimmel

Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Räuchle

Sie hatten Visionen, sahen den Lederball als Friedenssymbol im Rat der Völker durch die Luft fliegen, organisierten die Ur-Länderspiele gegen die „Erzfeinde“ Frankreich (1898) und England (1899) oder kämpften als entfesselter Sturm mit ganzer Leidenschaft und nationalem Stolz für den deutschen Sieg: jüdische Fußballer. Den „Kickern, Kämpfern und Legenden“ werden jetzt in einer Ausstellung Ehrenkränze gewunden. Ihr Schicksal von ruhmreicher Kaiserzeit bis zur totalen Verfinsterung des Sportsgeistes in NS-Tagen wird im Foyer in U 1 auf großen Transparenten ausgerollt. Das ganze Drama der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung zeigt sich am Beispiel dieser umjubelten Helden auf dem Platz, die ins Bodenlose gestürzt wurden.

Idole in die Flucht gejagt

PRO Waldhof e.V., das Stadtarchiv Mannheim und die Abendakademie holten die Ausstellung aus Berlin nach Mannheim, als ein Beispiel in welch mörderisches Abseits Rassismus und Antisemitismus führen, gerade auch in der beliebtesten Sportart der Deutschen. Fans und Historiker erinnern an die Sternstunden jüdischer Fußballer, zum Beispiel an die legendären zehn Tore, mit denen sich Gottfried Fuchs, der Stürmerstar aus Karlsruhe, bei den Olympischen Spielen im Jahr 1912 in Stockholm unsterblich machte. Im Spiel gegen Russland schoss er allein zehn Tore, eine bis heute von einem deutschen Nationalspieler unübertroffene Zahl, das Match endete schließlich 16:0. Ein Idol, das dennoch gestürzt wurde: 1937 musste Fuchs über die Schweiz zunächst nach Frankreich und 1940 schließlich nach Kanada fliehen.

Podiumsdiskussion mit Kick

Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“ des Zentrums Judaicum Berlin ist bis zum 20. Dezember im Foyer der Mannheimer Abendakademie in U 1, 16-19, zu sehen.

Der Verein PRO Waldhof, das Mannheimer Stadtarchiv – Institut für Stadtgeschichte und die Abendakademie treten als Veranstalter auf. Bürgermeister Lothar Quast eröffnete die Schau, eine Podiumsdiskussion zur heutigen Fankultur sorgte für Denkanstöße.

Ergänzt wird diese Präsentation durch einen Einblick in die Geschichte der Mannheimer Juden im Fußball. Der Sporthistoriker Karl-Heinz Schwarz-Pich übernahm diesen Part.

Dem Schicksal von Walther Bensemann, Vollblut-Fußballpionier und Gründer des Fußballmagazins „Kicker“, öffnet Historiker Karl-Heinz Schwarz-Pich ein eigenes Fenster mit Mannheim-Bezug, streift die Stationen des jüdischen Bankierssohnes, der mit dem Karlsruher Fußballverein den ersten Club in Süddeutschland gründete. Seinen 60. feierte Bensheimer 1933 mit über 200 Gästen in Mannheim. Danach verließen sie ihn. Ein Jahr später starb Bensemann in der Schweiz. Exemplarisch bringt Schwarz-Pich auch Edgar Ladenburg (1873-1941) ins Spiel, als einer, der mit vollem Körper-Einsatz dem Fußball zum Durchbruch verhalf. Der prominente Bankiersohn gehörte im Realgymnasium zur frühen Schülermannschaft, aus der die erste Mannheimer Fußballgesellschaft 1896 hervorging. Auch als Rennfahrer gab er das Tempo vor, gewann 1905 die legendäre Herkomer-Rallye – ein Sportlerleben auf der Überholspur, das im Abgrund endete: Der „Volljude“ Edgar Ladenburg erschoss sich wenige Tage vor seiner Deportation ins KZ 1941 in München.

Und weil die Geschichte von Kampfgesängen und Aggressionen, von Rassismus und Diskriminierung auch heute immer wieder auf dem Fußballplatz angepfiffen wird, setzte sich zur Eröffnung eine Expertenrunde aufs Podium, um die Problemfelder am Rande der Euphorie einzukreisen.

Zeitzeugen im „Ältestenrat“

Dr. Ulrich Nieß, Leiter des Stadtarchivs, übernahm als „Schiri“ die Gesprächsleitung, Karl-Heinz Schwarz-Pich erhellte als Sporthistoriker den Hintergrund und Buchautor Christoph Ruf beleuchtete die heutige Gefühls- und Gesinnungslage in den Fankurven der Ultras. Als Jüngster erinnerte Matthias Kneller, 1. Vorsitzender von PRO Waldhof, an das kollektive historische Versagen. Es sei tragisch, dass herausragende Persönlichkeiten, die an die Völkerversöhnung durch Sport glaubten, von den Nationalsozialisten verfolgt und viele auch ermordet wurden, so der PRO Waldhof-Aktivist. Und als „Ältestenrat“ saßen die Zeitzeugen Walter und Karla Spagerer mit auf dem Podium. Der 95-Jährige stieß 1928 zu seinem Verein, ist seit 80 Jahren Mitglied bei SVW, hat alle Höhen und Tiefen durchlitten, steht heute noch voll Temperament hinter seiner Mannschaft, die sich nie auseinanderdividieren ließ in Jude, Katholik, Protestant oder Sonstwas. Das sei immer völlig egal gewesen im Arbeitersportverein, so Spagerer. Ob einer reich war oder ein armer Teufel, das war eher entscheidend auf der Sympathieskala. Die „arme Deifel“ trugen jedenfalls Blauschwarz.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 05.12.2013

Ausstellung beschreibt die Rolle jüdischer Fußballspieler

Von Harald Berlinghof

Mannheim. So wie Waldhof Idol Otto Siffling einst im „Schlammloch“ beim SV Waldhof seine Karriere begann, so kickte Walter Bensemann – allerdings mindestens noch eine Generation früher – in Karlsruhe auf dem sogenannten „Engländerplatz“. Walter Bensemann genießt zwar längst nicht denselben Ruf wie Otto Siffling, aber er galt seinerzeit als jener, der im 19. Jahrhundert die Sportart Fußball nach Deutschland gebracht hatte. Er gründete auch den ersten Mannheimer Fußballverein – die „Mannheimer Fußballgesellschaft 1896“. Außerdem war er einer von zwei Mannheimer Delegierten, die zur Gründungskonferenz des DFB im Jahr 1900 geschickt wurden. Seine Beziehungen zu Mannheim und dem örtlichen Fußball waren also eng. Außerdem war Bensemann Jude.

Dass Mannheim zwei Juden als Delegierte zur DFB-Gründung sandte, wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung in der Stadt Mannheim. „Juden nahmen in Mannheim nicht nur in Parteien, der Wirtschaft und der Kultur bedeutende Positionen ein, sondern spielten auch im sportlichen Geschehen als Fußballer, Trainer und Funktionäre eine wesentliche Rolle“, so Bürgermeister Lothar Quast bei der Eröffnung einer kleinen Ausstellung im Foyer der Mannheimer Abendakademie. Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball“, die allerdings nur aus einigen Plakat- und Infowänden besteht, wurde in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Institut für Stadtgeschichte (Stadtarchiv) und mit dem Mannheimer Sporthistoriker Karl-Heinz Schwarz-Pich entwickelt.

Zur Eröffnung der Ausstellung hatte Stadarchivleiter Ulrich Nieß als Zeitzeugen den 95-jährigen Walter Spagerer, der seit sage und schreibe 85 Jahren Mitglied des SV Waldhof ist, und dessen Frau Karla zu einer Diskussionsrunde gebeten, die durch den Journalisten Christoph Ruf, Matthias Kneller (Pro Waldhof e.V.) und Schwarz-Pich ergänzt wurde.

Ab dem Jahr 1933 wurden mit dem sogenannten „Arierparagraph“ Juden auch aus deutschen Sportvereinen hinaus gedrängt. Das war auch in Mannheim nicht anders. „Aber bei uns auf dem Waldhof ging es eher darum, ob einer reich war oder arm. Nicht, ob einer Jude war oder Nichtjude. Wir waren halt ein Arbeiterverein“, erinnerte sich Walter Spagerer an diesem Abend.

© Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 05.12.2013